News aus der deutschen Wirtschaftsförderung

Der IfM Standpunkt - Start ups – die jungen Mittelständler

 Von Prof. Dr. Friederike Welter

Gründungen werden in Volkswirtschaften hoch ge­schätzt – nicht zu­letzt, weil sie mit ih­ren marktreifen in­no­vati­ven Ideen und Techno­lo­gien den Wettbewerbsdruck ver­stärken und etablier­te Marktakteure vor sich her trei­ben. In­fol­ge­des­sen sind die etablier­ten Un­ter­nehmen ge­zwungen, so­wohl ihre ei­ge­nen Struktu­ren zu überprü­fen als auch ihre In­no­vati­onsakti­vitä­ten zu ver­stärken. Auf dem Ar­beitsmarkt lässt sich ak­tuell et­was ähn­li­ches an­ge­sichts der An­zie­hungskraft von Start-ups be­obachten, die im Be­reich der In­for­ma­tions- und Kommu­ni­kati­ons­techno­lo­gien (IKT) tätig sind: Vie­le jun­ge Er­werbstätige fin­den es spannend, in die­sen Un­ter­nehmen zu ar­bei­ten – nicht nur, weil sie an die ak­tuel­len Weltmarktführer in die­sem Be­reich Google, Fa­ce­book und App­le er­in­nern, sondern auch weil sie häu­fig ih­ren Be­schäftig­ten läs­sige Ar­beitsum­ge­bungen und lo­cke­re Or­ga­ni­sati­ons­struktu­ren bie­ten.

Aber auch ein Teil der etablier­ten Un­ter­nehmen – vor al­lem je­doch die gro­ßen Konzer­ne – hat das Po­ten­zial von in­no­vati­ven Start-ups er­kannt: Als Ri­siko-Ka­pi­tal­ge­ber be­teili­gen sie sich bei­spielsweise an jun­gen Un­ter­nehmen oder in­ves­tie­ren in In­ku­ba­toren, um so neue Techno­lo­gien und Zu­kunftsmärk­te zu er­schlie­ßen. Da­hin­ter steht vor al­lem der Wunsch, von der Kre­ativi­tät und dem Un­ter­nehmergeist jun­ger Or­ga­ni­sati­o­nen In­no­vati­onsimpulse zu er­hal­ten. Die Start-ups pro­fitie­ren im Ge­genzug von der fi­nanziel­len Un­ter­stüt­zung und Marktmacht des er­fah­re­nen Partners. Ein Mo­dell, das in Zu­kunft si­cherlich auch für so manches klei­nere etablier­te Un­ter­nehmen stra­te­gisch und wirt­schaftlich inte­res­sant sein dürf­te.

Na­tur­ge­mäß ist es in der Öf­fent­lich­keit spannend, das Neue und In­no­vati­ve her­aus­zu­stel­len. Blickt man einmal hin­ter die Fassa­de von Start-ups, so stellt man fest, dass vie­les, was in der öf­fent­li­chen Wahrnehmung als "be­sonders" an­ge­se­hen wird, letztlich ur­ei­ge­ne Ei­genschaften des Mit­tel­stands sind: Da­zu ge­hö­ren Selbstverantwor­tung und -ver­trauen, da­zu ge­hö­ren aber auch Indi­vi­dua­lität und Kre­ativi­tät so­wie die Be­reit­schaft und Fä­hig­keit, Neues zu ge­stal­ten.

Neu und in­no­vativ sind bei den Start-ups in ers­ter Linie das Pro­dukt- und Dienstleistungsangebot oder auch das Ge­schäfts­mo­dell. Mit­tel­standstypisch ist da­ge­gen das überge­ord­nete Ziel der Gründer und Gründe­rin­nen, die ei­ge­nen Fä­hig­kei­ten bestmöglich zu nut­zen und den ei­ge­nen Le­bensun­terhalt zu si­chern. In der Ver­gangenheit hat die Wirtschafts­poli­tik hier­für stets ein Leitbild for­mu­liert, in dem sich alle mit­tel­ständi­schen Un­ter­nehmen wie­der­fin­den konnten und dies auch ger­ne bis heu­te tun. Da­run­ter sind viele Tra­diti­onsun­ter­nehmen, die selbst ir­gendwann einmal ein Start-up ge­we­sen sind.

Dennoch füh­len sich viele In­ha­ber von Start-ups nicht au­to­ma­tisch dem Mit­tel­stand zu­ge­hö­rig – auch wenn ihr Un­ter­nehmen die Kri­te­rien der Mit­tel­standsdefi­niti­on, die Ein­heit von Ei­gen­tum und Lei­tung, er­fül­len. Die Gründe hier­für sind viel­schichtig: Ei­ner liegt si­cherlich da­rin, dass der Be­griff "Start-up" in der US-ameri­ka­ni­schen IT- und High-Tech-Re­gion zwi­schen San Francis­co und San José ent­stand und eine "an­dere Form des Wirtschaftens" im­pli­ziert. Ein an­de­rer Grund ist aber auch da­rin zu se­hen, dass viele Start-up-Gründer ihr Un­ter­nehmen nicht mehr als ihre be­rufli­che Le­bensaufga­be an­se­hen. Stattdes­sen kal­ku­lie­ren sie von An­fang an eine spä­tere Ver­äu­ße­rung ein, um dann die Früchte zu ge­nie­ßen, al­ter­nativ mit ei­ner neuen Ge­schäftsi­dee ein wei­te­res Un­ter­nehmen zu gründen oder wie­der eine Festan­stel­lung auf­zu­nehmen. Das Problem an die­ser Le­bensphilo­so­phie: Die Be­schäftig­ten in die­sen Start-ups können nicht auf eine län­ger­fris­tige Ar­beitsplatzsi­cherheit bauen – in vie­len etablier­ten mit­tel­ständi­schen Un­ter­nehmen hin­ge­gen schon.

Bei den­jeni­gen Start-ups, die auf nachhaltige Ge­winner­zie­lung und Wachstum ausge­rich­tet sind, ist da­ge­gen zu be­obachten, dass sich (au­to­ma­tisch) die Ma­na­ge­mentstruktu­ren und Ent­schei­dungsprozesse ver­än­dern, wenn sie eine be­stimmte Größe überschrei­ten.

Un­be­streitbar ist zu­dem die Tat­sa­che, dass Mit­ar­bei­ter nachvollziehbare Ar­beitsstruktu­ren und -pro­zes­se so­wie den un­mit­tel­ba­ren Kon­takt zum In­ha­ber als wertschätzende Elemente empfin­den. Die­jeni­gen mit­tel­ständi­schen Un­ter­nehmen, die dies er­kannt ha­ben, prä­sen­tie­ren sich da­her ger­ne als er­folg­rei­che Marktteilnehmer – und at­trak­tive Ar­beitge­ber.

Die Ökonomin Prof. Dr. Friederike Welter ist Präsidentin des Instituts für Mittelstands-forschung (IfM) Bonn und Hochschullehrerin für Management von kleinen und mittleren Unternehmen und Entrepreneurship an der Universität Siegen.